Johannas Tagebuch 15. & 16.06.2017 — Ein wilder Ritt über den englischen Kanal

Am nächsten Tag soll es weiter gehen, über den Kanal bis Scheveningen in Holland. Wir wollen so schnell es geht bis Amsterdam, Frankreich und Belgien dieses Mal auslassen. Hier hat es uns auf dem Hinweg überhaupt nicht gefalllen. Von Dover durchs Verkehrtrennungsgebiet (eine Autobahn für Riesenfrachter im englischen Kanal, die von Sportfahrzeugen nur im rechten Winkel gekreuzt werden darf) und weiter bis Scheveningen sind es ca. 140 Meilen. Das bedeutet einen Tag und eine Nacht segeln für uns. Der Wind ist ziemlich stark angesagt. Wieder bis zu sechs Windstärken, aber immerhin von hinten. Wir überlegen lange ob wir uns das wirklich antun sollen. Die kommenden Tage ist dann allerdings überhaupt kein Wind angesagt und motoren wollen wir so eine Strecke auf keinen Fall. Wir bereiten also vor, bauen die Salonbänke zu Kojen um und kochen ein ordentliches Mittagessen. Gegen Zwei legen wir ab. Schon von der Marina sieht man die Schaumkronen draussen auf dem Wasser. Stefan will noch umdrehen aber wir fahren dann doch. Wir holen uns per Funk die Freigabe, den Hafen über den östlichen Ausgang zu verlassen. Normalerweise ist dieser den großen Kanalfähren vorbehalten. Da der Westausgang bei dem Wind aber extrem ruppig ist und wir eh nach Osten müssen dürfen wir durch. Wir hören auf Kanal 74 sämtliche Konversation mit und auch, dass die Port Authority eine reinkommende Fähre zum Warten auffordert, damit wir gefahrlos passieren können. Kaum sind wir hinter der Mole, haben wir ordentlich Welle. Nur unter Fock fahren wir nach Nord-Osten. Dabei schiebt uns der Strom ordentlich an und wir haben häufig über sieben Knoten auf der Logge stehen. Schon gegen sieben Uhr abends erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet und setzen das Großsegel. Wir müssen den Kurs um fast 90 Grad ändern und fahren jetzt am Wind in süd-östliche Richtung. Jetzt ist die Welle natürlich deutlich unangenehmer, aber die Nord-Süd Fahrbahn queren wir ohne ausweichen zu müssen. Nachdem ich ein Manöver verpatzt habe und Stefan hart an der Winsch rödeln muss, geht es ihm auf einmal nicht mehr so gut. Er muss sich unter Deck ausruhen. Es ist inzwischen ca. halb neun und ich steuere alleine durch die Süd-Nord Fahrbahn des VTG. Kaum im Korridor sehe ich auch schon den ersten Tanker querab. Noch ist er weit weg, aber ich gehe schnell unter Deck, um auf dem AIS zu gucken, ob wir uns nahe kommen. Laut der modernen Technik begegnen wir uns mit einem Abstand von ca. 50 Metern. Das ist viel zu wenig, versteht sich, und so rolle ich die Fock weg um Fahrt rauszunehmen. Innerhalb von nicht mal zehn Minuten ist der Tanker vor unserem Bug und ich rolle die Fock wieder raus. Wenn ich jetzt nicht Gas gebe, kommt gleich der Nächste und ich schaffe es nicht rechtzeitig durch zu sein. Der Nächste ist kein Problem, aber beim Übernächsten wiederholt sich das Spiel. Rechtzeitig bevor es dunkel ist sind wir auf der anderen Seite und können unseren Kurs wieder auf Nord-Nord-Ost ändern. Scheveningen liegt an, jetzt sind es noch ungefähr 80 Meilen. In der Dunkelheit ist es schon ziemlich kalt und Stefan kommt wieder raus um mich abzulösen. Wir vereinbaren Wachen von 2 Stunden, damit man sich regelmäßig aufwärmen kann und draussen nicht erfriert. Die Wache entspannt unter Deck verbringen und ab und zu raus gucken, wie wir das in der Karibik gemacht haben, ist auf dem Kanal nicht drin. Ich lege mich hin und versuche meine Füße aufzuwärmen, gar nicht so einfach. Schlaf finde ich keinen und als ich Stefan um Mitternacht wieder ablöse versuche ich mich mit Luftfahrradfahren warm zu halten. Als Stefan hochkommt machen wir ein paar Segelmanöver und mir ist es nach Reffen und Halsen schön warm, als ich zum zweiten Mal in den Schlafsack krieche. Dieses Mal schlafe ich sogar eine Stunde. In der tiefsten Nacht fahren wir mitten durch eine riesige Windfarm. Laut Seekarte gibt es in der Mitte einen Korridor, wo man durchfahren kann. Später erfahren wir, dass das seit Kurzem verboten ist. Ups, haben wir uns aus Unwissenheit wohl einen Umweg von ca. 20 Meilen erspart. So ein Pech. Es wird unglaublich früh hell, so gegen halb vier. Aber eigentlich ist es da auch schon halb fünf, wir haben ja wieder mal die Zeitzone gewechselt. Während meiner letzten Wache döse ich so im Cockpit vor mich hin. Ich gucke mich immer mal wieder um, aber nix zu sehen. Auf einmal mache ich allerdings die Augen auf und sehe einen gigantischen Frachter, ziemlich nah vor unserem Bug. Zwar geht er vor uns durch, es besteht keine Gefahr, aber mir rutscht schon ganz schön das Herz in die Hose. Ich springe auf, stoppe die Windsteuerung und ändere den Kurs noch deutlich ab. Uff, was ein Schreck. Ein paar Minuten später tauchen immer mehr Frachter vor mir auf. Wir sind in der Einfahrt in die Westerschelde, wo es Richtung Antwerpen geht. Hier ist immer viel Verkehr, aber jetzt sehe ich bestimmt um die 20 Schiffe vor mir. Sie gucken alle in die gleiche Richtung und ich merke, dass sie auf Reede liegen. Ich sprinte runter ans AIS und klicke sie alle einzeln an. Alle sagen „Vor Anker“, bis auf einer und mit dem sind wir auf Kollisionskurs. Ich springe wieder an Deck und suche den einen, der sich bewegt. Gar nicht so leicht. Irgendwann habe ich ihn ausgemacht und ändere unseren Kurs. Nochmal Uff. Danach fahre ich im Slalom durch das Ankerfeld und bin froh, als ich den letzten achteraus gelassen habe. Kurz vor Mittag passieren wir die Maas Mündung und kreuzen das letzte Mal eine Schifffahrtslinie. Diese Mal ohne anhalten zu müssen. Zwei Stunden später, mit dem letzten mitlaufenden Strom, erreichen wir Scheveningen und legen in einer Box an. Wir sind ziemlich am Ende, das war doch ein echt wilder Ritt, mit irre viel Wind und viel Verkehr. Aber wir sind super stolz auf das was wir erreicht haben und glücklich, in Holland zu sein.

016 (Copy)
Planen für den Trip rüber nach Holland. Durch Sandbänke, VTGs und Windfarmen…
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2 Gedanken zu “Johannas Tagebuch 15. & 16.06.2017 — Ein wilder Ritt über den englischen Kanal

  1. Ihr Lieben,
    das war aber wirklich ein Abenteuer. Willkommen in der Heimat. Euren Blog habe ich immer mit Interesse verfolgt. Prima, dass Ihr die Reise gewagt habt, viel Glück auf der weiteren Route.
    Heute hatten wir einen lustigen Tag am Rursee. Wir haben neuerdings zwei SUP’s und haben heute Matchpaddeln rund um den Steg veranstaltet. Ich bin prompt reingefallen, weil ich im Ziel mit der Finne im Stegseil hängengeblieben bin. Andreas Hibert aber auch, er im Fährseil.
    Bis bald mal und liebe Grüße
    Karl Hopmann

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  2. Hallo Karl,

    Danke für deine Kommentar. Wir sind auch froh wieder hier zu sein und den Sommer noch auf der Ostsee verbringen zu könnnen. Von eurem SUP Race habe ich gehört, witzige Aktion. Ich hoffe das Wasser war nicht zu kalt. 😆 Nächstes Jahr sehen wir sind na bestimmt mal am See.

    Viele Grüße von Fehmarn

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