Leben am Kommunensteg – Teil 1

Wir sind jetzt seit mehr als 2 Wochen auf Teneriffa. Die Überfahrt hierher war anders als unser erster großer Schlag von Lissabon nach Madeira. Das Wetter wollte sich einfach nicht an die Vorhersage halten und 300 Seemeilen Amwind Kurs bei bis zu 7 Windstärken in Boen waren eine neue Erfahrung für uns. Die Überfahrt fühlte sich trotzdem entspannter an als unsere ersten Schläge über den offenen Atlantik obwohl wir bei denen deutlich angenehmere Bedingungen hatten. Wir gewöhnen uns scheinbar langsam aber sicher an das Blauwasser Segeln.

Die erste Woche im Hafen Santa Cruz auf Teneriffa vergeht wie im Flug. Wir haben „Besuch“ von zu Hause. Ein guter Freund verbringt mit seiner Freundin seinen „Sommerurlaub“ auf Teneriffa. Wir  verbringen die meiste Zeit mit den Beiden und bekommen vom Hafenleben in den ersten Tagen wenig mit. Zu sehr freuen wir uns Freunde von zu Hause endlich mal wiederzusehen. Vielleicht ist dies das letzte Mal bevor wir nach Deutschland zurückkehren.

Als wir nach einer knappen Woche wieder richtig am Leben in der Marina teilhaben, wird uns bewusst was uns bereits seit wir die Nordsee verlassen haben immer mehr auffällt. Die Boote, die Menschen und die Kultur im Hafen ist gänzlich anders als man es aus Deutschland, Holland oder auch dem Mittelmeer kennt.

Die Schiffe sind andere und sehen auch anders aus. In unserem Heimathafen in Neustadt an der Ostsee sieht unsere Good Times neben all den auf Hochglanz polierten Rassys, Najads und X-Yachts manchmal ein bisschen in die Jahre gekommen aus. Als wir unsere Sunbeam 2014 gekauft haben war sie knapp 20 Jahre alt. Elektronik, laufendes Gut, Sicherheitsausrüstung und Segel waren von 1995. Klar, dass wir erstmal Geld und Zeit in die Technik und Sicherheit und nicht in die Optik investiert haben. Inzwischen hatten wir zum Glück ein bisschen Zeit unser Boot auch optisch aufzuhübschen. Direkt haben wir uns ein bisschen wohler in den Yachthäfen der Ostsee gefühlt. Mit dem Verlassen Deutschlands und der Nordsee ändert sich das Hafenbild jedoch grundlegend. Bereits in den Wattenrevieren Hollands sieht man vereinzelt Zweckschiffe bei denen die Optik eine untergeordnete Rolle spiet. Spätestens in Frankreich und England gehört die Good Times zu den schicksten Schiffen im Hafen. Die Anzahl uns völlig unbekannter Schiffstypen, Eigenbauten und anderem schwimmendem Geraffel nimmt immer mehr zu. Und auch der optische und technische Zustand ist ein deutlich anderer als wir ihn bisher kannten. Auf den Kanaren sind die dominierenden Yachten von Ostsee und Mittelmeer nur noch Randerscheinungen. Massive Stahlboote, abenteuerliche Einzelkonstruktionen, riesige Geräteträger, völlig überladene Decks prägen das Hafenbild. Manchmal frage ich mich sogar, ob dies alles noch zweckmässig ist oder nicht sogar die Sicherheit und den Komfort behindert. Eines ist dies alles aber mit Sicherheit jedoch NICHT: Schön. Und meilenweit entfernt von dem Bild auch uns geliebten Bild der eleganten Segelyacht.

Die Nationalität der Eigner bestimmt auch deutlich die Unterschiede in der Wahl und Ausrüstung der Schiffe. Deutsche und Skandinavier segeln überwiegend nordeuropäische Fahrtenyachten. Die Schiffe glänzen und die Decks sind übersichtlich. Holländer sieht man oft in Stahlbooten, meist schick und penibel gepflegt. Die wildesten Boote sehen wir bei den Franzosen. Entweder Großserienboote – natürlich aus französischer Produktion – oder völlig eigenwillige Konstruktionen. Die ersteren häufig bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, ausgerüstet, überladen und von missglückten Anlegemanövern gekennzeichnet.

So unterschiedlich wie die Schiffe sind auch die Nationen. In der Ostsee trifft man vorzugsweise Deutsche, Skandinavier, manchmal auch ein paar Holländer die den Weg durch den Nord-Ostsee Kanal für ihren Sommerurlaub gerne in Kauf nehmen. Im Mittelmeer eine bunte Mischung der meisten europäischen Nationen. Ab Spanien, Portugal aber spätestens wenn man das europäische Festland verlässt sind die Stege fest in französischer Hand. Die „Grand Nation“ stellt fast die Hälfte der Boote die wir sehen. Begrüsst wird man mit einem Bon Jour, worauf wir standesgemäß mit einem freundlichen „Moin“ antworten. Das spanische „Hola“ konnte sich zumindest bei uns am Steg noch nicht durchsetzen. Die andere Hälfte stellen Engländer, Holländer Deutsche, Skandinavier, aber wir treffen sogar Neuseeländer, Australier und Amerikaner. Spannend auch, die Franzosen bleiben meist unter sich. Dies liegt nach unserer Erfahrung hauptsächlich an den Sprachbarrieren. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Wir haben auch mit einer französischen Crew seit Spanien regelmässigen Kontakt. Alle übrigen Nationen bilden eine bunte Gemeinschaft.

Die Stege im Yachthafen von Santa Cruz sind nach Schiffsgrößen sortiert. An der Mole liegen die Megayachten. 100 Fuss sind hier Regel nicht die Ausnahme. Steg 1 und 4 sind für die größeren unter den „normalen“ Yachten. Hier sammelt sich alles zwischen 38 und 60 Fuss. Steg 2 und 3 sind für alle die entweder kleiner als 38 Fuss sind oder die an den neueren Stegen 1 und 4 keinen Platz mehr gefunden haben. Hier liegen wir. Wir nennen ihn auch den „Kommunen Steg“. Schon beim Anlegen fällt uns auf, dass es hier anders zugeht als in den Häfen die wir kennen. Katzen und Hunde rennen über den Steg. Vor einigen Booten stapelt sich Kinderspielzeug, eine Ritterburg, Plantschbecken, Skateboards. Familien mit 3 Kindern plus Hund in Schäferhundgröße leben hier – scheinbar dauerhaft – auf 25 Fuss (7 Meter). Aber auch „ausgesetzte“ Ausrüstung findet sich am Kopf von vielen Fingerstegen. Diese wurde wohl von manchen Crews beim Ablegen bewusst zurück gelassen und wartet jetzt auf jemanden der Sie der Entsorgung oder Zweitverwertung zuführt. Die Zuständigkeitsfrage hierzu scheint jedoch noch nicht geklärt zu sein.

Hier am Kommunensteg entdecken wir auch den dritten großen Unterschied. Die teilweise deutlich unterschiedlichen Kulturen von Seglern aus den verschiedenen Ländern. Unsere Lieblingserlebnisse gibt es in Teil 2.

Stefan

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6 Gedanken zu “Leben am Kommunensteg – Teil 1

  1. Na das nenne ich einen Zufall. Ich war am 6.9. in Santa Cruz. War mega voll, so das wir am Steg an der Mole festmachen mussten.
    Schade das ich Deinen Bericht erst jetzt lese. Wäre gern´ auf ein. zwei Bier vorbeigekommen 🙂

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  2. Spannender Bericht, noch eine Woche und wir werden uns selbstvein Bild von der Situation vor Ort machen! Vielleicht klappt es ja noch mit einem kurzen Schnack vor Eurem großen Seestück!

    Rüdiger

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