Weniger ist mehr!

Welche Ausrüstung braucht man auf Langfahrt? Unsere ganz persönliche Zwischenbilanz nach knapp 2.000 sm.

Welche Ausrüstung brauche ich und was ist die Richtige? Auf den ersten 1.000 Meilen war Ausrüstung neben Wetter und Liegeplätzen absolutes Topthema in allen Häfen. Alle die wir getroffen haben, haben Ihr Schiff nach Ihren persönlichen Vorstellungen ausgerüstet. Jeder schwört auf seine getroffenen Ausrüstungsentscheidungen. Interessanterweise erkennt man in der Menge und Art der Ausrüstung auch ganz gut die einzelnen Charaktere.

Ob die Ausrüstung tatsächlich die Richtige ist wird sich für uns alle wohl erst im Laufe der Zeit herausstellen.

Als wir die Good Times gekauft haben war das Schiff bis oben voll mit (veralterter) Technik und Ausrüstung. Zwei Ganzpersennings, klappbare und aufholbare Gangway, Davits, Baumbeleuchtung, Dingi mit Mahagoni Boden, Kutterstag (sinnvoll) mit Rollanlage für die Sturmfock (nicht wirklich sinnvoll), Kurzwellenempfänger mit Lautsprechern im Cockpit, … . Das Schiff war von den Stauräumen unter Deck bis zur fast 2 m3 großen Backkiste voll wie ein Ei.

Ich bin jedoch kein Freund von viel Ausrüstung und halte alles an Bord lieber so einfach wie möglich. Nicht nur aus Kostengründen. Den Spruch „was nicht an Bord ist kann auch nicht kaputt gehen“ kennt wohl jeder. Und nach meiner Erfahrung ist da auch ne Menge dran. Der entscheidendere Grund liegt jedoch in meiner Einstellung. Für viele gilt die Devise „Viel hilft viel“ und jedes Stück mehr an Ausrüstung steigert das persönliche Glücksempfinden. Mir hingegen geht es genau anders. Je mehr ich an Bord habe, desto mehr belastet mich das. Ich war noch nie ein Freund von Materialschlachten. Ich habe lieber wenig an Bord, aber dies in guter Qualität. Wenig um das ich mich kümmern, das ich verstehen oder warten muss. Hunderte Meter Kabel im Schiff und Technik die man nur noch ansatzweise versteht geben mir kein gutes Gefühl.

Die erste Zeit der Vorbereitung haben wir damit verbracht, Ausrüstung die aus unserer Sicht unnötig ist von Bord zu verbannen und auf eBay zu verkaufen. Das war eine ganze Menge und hat ordentlich Geld in die Bordkasse gespült. Alleine für unsinnige Elektronik haben wir gefühlte 50 Meter Kabel aus dem Schiff entfernt. Die Notwendigkeit der Leselampe in der Küche, des Flurlichtes vor dem Bad, der Fussraumbeleuchtung in der Bugkabine oder einzeln per Kippschalter ansteuerbarer Lautsprecher hat sich uns bis heute nicht erschlossen. Ganz zu schweigen vom mit doppelseitigem Klebeband unter der Sprayhood befestigtem Kartenplotter. Durch diese Radikalkur ist alles nicht nur deutlich übersichtlicher, sondern auch sicherer geworden. Alle vom Ersteigner teilweise abenteuerlich eingebauten Dinge wurden entfernt.

Bei der Neuausrüstung haben wir darauf geachtet, nur die für uns wirklich nötigen Teile anzuschaffen. Hierbei haben wir Wert auf hohe Qualität und simple Bedienung gelegt.

Als Hauptnavigation nutzen wir ein iPad Air 3G. Mit einer Lifeproof Hülle und einem passenden RAM Mount Halter am Steuerstand ersetzt es für uns den Plotter. Karten nutzen wir von Navionics – nicht die HD Karten, sondern die Normalen. Diese sind für die ganze Welt verfügbar. Nach unseren Erfahrungen extrem genau und im Pack für mehrere Länder sensationell günstig. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sie auf allen anderen Geräten unter dem gleichen iTunes Account kostenlos installieren kann. So haben wir noch zwei iPhones als Backup falls unser Tablet streiken sollte. Für anspruchsvollere Reviere haben wir aktuelle Papierseekarten an Bord. Wir mögen dies vor allem zur Planung. Es ist einfach schöner, abends gemeinsam am Salontisch mit Zirkel über einer Karte zu sitzen als Tracks im Plotter zu programmieren. Backup ist ein Garmin GPS Map 4008 am Navitisch. Dies haben wir nicht selbst angeschafft – es war vom letzten Eigner ja unter der Sprayhood festgeklebt worden – sondern haben eine sinnvolle Verwendung dafür gesucht. Wir haben die kostenlosen Karten von Open Seamap installiert und nutzen es als Anzeigeinstrument für AIS und zum Ablesen der GPS Position. Mein Lieblingsgerät ist unser Hand GPS Garmin H72, das auch am Navitisch installiert ist. Das kleine Teil verbraucht so gut wie keinen Strom und läuft bei uns 24/7, zur Reiseaufzeichnung oder als Ankeralarm. Das AIS Signal für den Plotter liefert unser Funkgerät Standard Horizon GX2100 mit DSC und AIS. Es dient damit auch als Backup für die AIS Anzeige des Plotters. Um uns das Leben bei der Kommunikation mit Hafenmeistern oder Behörden einfacher zu machen haben wir noch ein Handfunkgerät an Bord. So muss bei der Ansteuerung keiner unter Deck gehen.

An Sicherheitsausrüstung haben wir neben dem DSC Funkgerät, eine Oceansignal Epirp, diverses Feuerwerk, 4 Feuerlöscher, Löschdecke, eine Plastimo Transocean Rettungsinsel, Iridium Satellitentelefon, Secumar Survival 275N Rettungswesten mit Lifeleinen und Streckgurte an Deck.

Die Steuerung übernimmt bei uns neben der Crew wahlweise P.e.t.e (Permanent eingerichteter technischer Ersatz = Windpilot Pacific) unter Segeln, oder ein elektrischer Autopilot mit Schubstangensteuerung. Als Hauptanker haben wir einen Kobra 2. Dieser ist mit seinen 16 kg bereits eine Nummer größer als von namhaften Blauwasser Seglern für unsere Bootsgröße empfohlen. Obwohl wir bisher noch keinerlei Probleme mit dem Anker hatten würde ich ihn heute wahrscheinlich noch eine Nummer größer nehmen. Einfach weil der Mehrpreis gerade 20€ beträgt. Zweitanker ist ein deutscher Bügelanker, ebenfalls mit 16kg.

Als Stromversorgung haben wir zwei 100 AH Verbraucher- und eine 100 AH Starterbatterie. Die Energie liefert ein 100W Sunware Solarpanel auf dem Bimini. Hier werden wir wohl in absehbarer Zeit nachrüsten. 220 V für Laptop Ladegerät oder elektrische Zahnbürste (Zahnpflege ist uns sehr wichtig) liefert ein 300 W Waeco Inverter. Dieser ist nicht größer als ein Buch, hat eine eingebaute Steckdose und USB Buchse und ist die ideale Ergänzung für alle Verbraucher die nicht über 12V funktionieren.

Unsere Verbindung zum Land ist unser Talamex Highline 230 Dingi mit 5 PS Mercury Aussenborder. Auch hier hätten wir gerne noch ein paar PS mehr gehabt. Nicht nur weil ich leidenschaftlich gerne Dingi fahre, sondern um auch zu zweit mehr Reserven bei viel Wind oder Strömung zu haben. Ohne Badeplattform sind jedoch mehr als 5 PS vom Gewicht fast nicht mehr handelbar.

Wir haben uns bewusst oder aus Kostengründen gegen folgende Ausrüstung entschieden:

  • Wassermacher: Bisher planen wir nicht in Gebiete zu fahren, in denen Trinkwasserversorgung ein Problem ist
  • Radar: Kosten und hoher Aufwand bei der Nachrüstung
  • Windgenerator: Unser Heckkorb ist bereits brechend voll und wir hoffen mit der modernen Generation an Solarzellen im Süden unseren Energiebedarf decken zu können
  • Ladebooster für Lichtmaschine: Laut dem Elektronik Spezialisten unseres Vertrauens bei einer Yanmar  Maschine ein größerer Aufwand und nicht mehr im Budget
  • Parasailor: Hätten wir liebend gerne. Sind für Sponsoring Angebote offen

Natürlich klingt das nach dieser Aufzählung immer noch nach einer ganzen Menge Ausrüstung. Aber wir sind ja auch auf Langfahrt. Trotz allem sind unsere Backskisten noch halb leer und die Wasserlinie liegt selbst voll proviantiert und mit vollen Tanks noch über der Konstruktionswasserlinie. Nicht schlecht für eine Langfahrtyacht.

Zum Schluss das vielleicht Interessanteste. Unser Zwischenbilanz nach knapp 2.000 sm. Im Großen und Ganzen sind wir mit unserem Schiff und unserer Ausrüstung sehr zufrieden.

Unser 100W Solarpanel reicht zu unserer Verwunderung an sonnigen Tagen tatsächlich für alle Verbraucher vor Anker inklusive Kühlschrank. Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir werden jedoch trotzdem noch ein zweites 100W Panel anschaffen um auch unter schlechteren Bedingungen immer genügen Strom zu haben. Wir würden uns ausserdem heute auch für ein aktives AIS entscheiden (unser Funkgerät hat lediglich einen AIS Empfänger). Viele Crews haben berichtet, dass Berufsschiffe tatsächlich ihren Kurs anpassen wenn Sie ein Segelboot auf dem AIS sehen.

Was wir wirklich vermissen ist eigentlich nur eine Badeplattform. Diese steigert die Lebensqualität am Ankerplatz beim Schwimmen und Duschen ungemein. Ausserdem erleichtert sie das Handling des Aussenborders, ist eine großartige Sache um geangelte Fische auszunehmen oder an Bord zu ziehen macht das Bunkern von Wasser, Benzin, Einkäufen, … aus dem Dingi viel leichter.  Bauartbedingt hat unsere Sunbeam keine Badeplattform. Eine Nachrüstung hat leider nicht mehr ins Budget gepasst.

Gespannt sind wir schon auf die nächsten 2.000 Meilen. Was wird sich weiter bewähren oder was wird uns doch noch fehlen.

Stefan

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5 Gedanken zu “Weniger ist mehr!

    1. Hallo Johanna und Stefan, ich bin ganz von der Rolle was Ihr zwei Euch vorgenommen habt. Die Info bekam ich vor kurzem am Steg unseres Segelvereins von Johannas Eltern. Ich bin natürlich sofort in Euren Reiseblog eingetaucht und lese interessiert darin. Macht bitte so weiter und haltet uns auf dem Laufenden. Es gibt viele Bücher über Weltumsegler, aber live mitzuerleben was Euch auf der Reise passiert und wohin Euch der Wind treibt ist allemal besser. Ich bin nicht der typische Blogger, aber die Beiträge verfolge ich mit Aufmerksamkeit.
      Wir wünschen Euch natürlich aus der Heimat Alles Gute und eine Glückliche Heimkehr mit vielen Erinnerungen im Gepäck.
      Allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel und Good Times !
      Eure Segelfreunde vom Rursee

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      1. Hallo Steffen, lieben Dank für deine Nachricht. Wir freuen uns immer über neue Leser und Kommentare. Mit unserem Projekt waren wir die letzten zwei Jahre ziemlich beschäftigt, daher haben wir es leider nicht zum See geschafft. Jedes freie Wochenende sind wir 650 km an die Ostsee gefahren. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Gerade sitzen wir in einer Ankerbucht in Galizien und genießen den sonnigen Morgen bei einer Tasse Kaffee. Grüß bitte Conny und den Rest der Crew am Steg. Liebe Grüße, Johanna

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  1. Zuerst mal ein super Dankeschön für deine Ausführungen! Sehr sehr hilfreich! Wir werden 2018 unser Schiff Dufour 365 ausrüsten und freuen uns über jeden Erfahrungsbericht! Fragen: Wie habt ihr bei Kurzwellenfunk und einem Kunstdtoffschiff die Erdung hinbekommen? Ist ein 5PS Motor nichtvzu schwer um in bei Wellen am Beiboot zu montieren?

    Liebe Grüße! Günther

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    1. Hallo Günther,

      schön dass unser Beitrag hilfreich für Dich war. Bezüglich der Erdung für Kurzwelle kann ich Dir leider keine Tipps geben. Wir haben uns gegen Kurzwelle entschieden und haben stattdessen für Wetter und Kommunikation ein Iridium Satelliten Telefon an Bord. Der 5PS Zweitakter! wiegt 20 Kilo und war für uns ein Kompromiss weil vom Gewicht gerade noch im Rahmen. Eigentlich hätten wir gerne zwischen 8 und 10 PS gehabt. Diese wiegen jedoch um die 30 Kilo und sind nicht mehr handelbar. 5 PS sind leistungsmässig nach unserer Ansicht die untere Grenze. Wenn man gegen Wind und/oder Strömung anmotoren muss funktioniert das mit 5 PS noch einigermassen. Darunter hat man kaum Chancen. Unsere Ideallösung die wir auch schon bei vielen anderen Schiffen gesehen haben wären der Mercury 9,8 PS Motor mit einem kleinen Kran achtern mit dem man den Motor ablassen kann.

      Wenn Du noch Fragen hast schreib uns auch gerne ein Mail an sailingyachtgoodtimes@gmail.com

      Beste Grüße, Stefan

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