Angstgegner

Die Biskaya liegt hinter uns. Endlich nur noch Sonne, kurze Hose und chillen im Cockpit. Für den deutschen Segler, der nach Süden möchte, hält die Strecke bekanntermaßen ein paar Prüfungen bereit. Das deutsche und holländische Wattenmeer mit seinem dünnen Hafen Netz (zumindest bei unseren knapp 2m Tiefgang) und den daraus resultierenden langen Schlägen. Die englische, nach Westen offene, Südküste mit ihren starken Strömungen. Sie macht es einem schwer, bei anhaltendem Westwind voran zu kommen. Schließlich die französische Atlantik Küste mit teilweise bis zu 10 m Tidenhub und trocken fallenden Hafeneinfahrten. Das Alles haben wir inzwischen hinter uns.

Die Überfahrt der Biskaya schwirrte seit der Abreise aus Deutschland jedoch in meinem Kopf. Wie bei so vielen Seglern. Nicht umsonst hat sie den Ruf eines der gefährlichsten Seestücke der Welt, in dem auch schon Supertanker spurlos verschwunden sind. Obwohl die schweren Stürme und die meisten Unglücke im Herbst oder Winter geschehen, hatten wir trotz Allem ordentlich die Hosen voll.

Wenn wir aber nach Süden wollen, können wir uns nicht drücken. Die Gedanken an die Biskaya sind immer zwiegespalten. Auf der einen Seite ist alles noch ewig hin, andererseits haben wir Bedenken, dass wir es nicht rechtzeitig im Hochsommer schaffen. Ziel war immer Ende Juli. Wir wollen viel Zeit für den Sommer in Spanien haben und den berüchtigten, ab Mitte August anstehenden Stürmen ausweichen. Ab Plymouth geht dann auf einmal alles ganz schnell. Ein passendes Wetterfenster kommt genau an dem Tag, als unsere Freunde, die „Abenteuerurlaub Biskaya“ bei uns gebucht haben, im Hafen eintreffen. Für einen Schlag von England direkt nach Spanien war es jedoch zu klein. Also auf nach Brest. Und auch hier, nach zwei Tagen Sprühregen bekommen wir ein ideales Fenster für die Überfahrt nach Spanien gemeldet. Danach ist erst mal kein Weiteres in Aussicht. Zwei andere Crews sind der gleichen Meinung. Keine Ausreden also. Los geht’s.

Im Nachhinein betrachtet war die Überfahrt … ereignislos. Unsere Bilanz der Biskaya:

  • Camaret sur Mer nach Viveiro
  • 320 sm
  • Zwei Tage, 17 Stunden, davon ca. 1/3 unter Maschine
  • Haufenweise Delfine
  • Zwei Wale unmittelbar am Boot, eine Menge Walfontänen weiter entfernt
  • Ein Anhalterfisch
  • Ein abgebissener Angelköder
  • Massives Schlafdefizit

Am meisten beeindruckt haben mich die langen Atlantik Wellen. Von der Ostsee oder dem Mittelmeer kennt man die kurzen, steilen Wellen. Hier merkt man die Wellen trotz 2-3m Wellenhöhe kaum. Es fühlt sich vielmehr an, als ob man einen Berg herauf und herunter fährt. Andere Schiffe verschwinden teilweise hinter den Wellen und tauchen erst auf dem Wellenberg wieder auf. Neu sind auch die Wassertiefen. Nach 7 Wochen mit niedrigen zweistelligen Zahlen meldet unser Echolot erstmals „Lost Signal“. Ein komisches Gefühl nachts in der Koje zu liegen und sich vorzustellen, dass uns nur 15mm Plastik von 4.000m Wasser trennen.

Der Landfall in Viveiro ist dann etwas ganz Besonderes. Als wir Morgens um 5 Uhr vor der Einfahrt der Ria de Viveiro sind ist es noch stock dunkel. Es dämmert langsam und plötzlich können wir das Land riechen. Aber nicht so, wir es kennen. Es riecht nach Pinien und Eukalyptus. Johanna sagt, sie kennt das von früher aus dem Spanienurlaub. Ein unglaubliches Gefühl, es überkommt uns totale Vorfreude. In der Dämmerung laufen wir in die Bucht ein und machen um halb sieben in der Marina fest. Nach dem Ausschlafen sehen wir erstmals, wovon wir die letzten nassen Wochen sehnsüchtig geträumt haben. Die spanische Sonne und strahlend blauen Himmel. Es hat 25°, das Wasser ist türkisblau, die Fischerboote klein und bunt. Auch die Stadt ist schön, abends feiern wir die Überfahrt ausgiebig mit Pulpo, Estrella Galicia und Hierbas. Gefühlt sind wir die einzigen Nicht-Spanier. Trotzdem sind die Menschen unglaublich herzlich und kommunikativ. Wir sind froh, dass Johanna wenigstens ein bisschen spanisch spricht. Unsere Laune ist auf dem Höhepunkt, hier machen wir jetzt erstmal in Ruhe klarschiff und lassen es uns ein paar Tage gut gehen.

Stefan

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7 Gedanken zu “Angstgegner

  1. Hallo Stefan und Johanna,

    hab euren Bericht mal mit meiner Biskaya-Sammlung verlinkt. Genießt die Rias und Portugal, es ist so schön dort. Wir würden heute viel länger dort bleiben, aber vielleicht kommt das ja noch. Wäre auch nett auch jenseits des Atlantiks mal zu treffen, immerhin sind wir ja auch fast Kölner.

    Liebe Grüße
    Steffi

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    1. Hallo Steffi,

      Würde uns auch freuen euch jenseits des Atlantiks zu sehen. Mal schauen ob wir es auch so weit schaffen wie ihr. Nutzen jetzt erst einmal ausgiebig den Sommer in Spanien für die traumhaften RIAS und die netten Menschen hier.

      __/)__ Stefan

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  2. Respekt und Hochachtung! Ihr seid zu beneiden – unser 3wöchiger Sommerurlaub geht langsam dem Ende zu und dann hat uns der Trott schon wieder. Bestimmt haben wir Euch schon mal gesagt, dass Ihr alles richtig gemacht habt.

    Die Crew von der Tummetott

    Sabine und Rüdiger

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    1. Ich hoffe ihr Beiden hattet auch einen schönen Urlaub auf der Ostsee. So ganz ehrlich haben wir uns zwischenzeitlich ab und an mal gefragt ob wir wirklich das richtige machen und nicht lieber den Sommer auf der Ostsee verbracht hätten. Knapp 1.500 Meilen hatten wir nur Amwind und zusammengerechnet 5 Tage Sonne. Jetzt hier in Spanien sieht die Welt zum Glück anderes aus. Ein einmalig schönes Revier. Liebe Grüße. Stefan und Johanna

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